Short-Story: Ach so ist das...

Hier eine kleine Geschichte, die ich irgendwann letztes Jahr mal angefangen hatte. Habe einige komische Logikfehler ausgebügelt, sie überarbeitet und das Ende angefügt. Hätte mehr draus werden können, aber trotzdem viel Spaß beim Lesen :)

Als es ihm passierte, war er Mitte zwanzig. Es war wie im Film und er schreckte hoch, und sagte laut zu sich: „Noch dreißig Jahre? Noch dreißig Jahre!“ Dieser Traum stimmte ihn zunächst gar nicht so nachdenklich. Nichts mehr, dachte er sich, als ein Albtraum. Schon oft hatte Alfred davon gehört. Dass Menschen vom Tage ihres eigenen Todes träumen würden. Erst, als er sich erinnerte, dass ein Freund seines Bruders das Gleiche erlebte, dachte er noch ein zweites und drittes Mal daran. Obwohl, dies ist doch alles hanebüchener Unsinn, redete er sich ein. Nichtsdestotrotz war die Vorstellung, wie es wäre, in dreißig Jahren zu sterben, schon komisch. Seine Großeltern wären nicht mehr da. Seine Mutter? Vielleicht hochbetagt mit 90 in irgendeinem Heim weilend, weil Alfred keine Zeit hätte, sich um sie zu kümmern. Seine Schwester arbeitete im Süden des Landes und meldete sich kaum. Sein Vater wäre schon lange tot, aber vielleicht würde seine Cousine sich noch melden? Wer würde denn zu seiner Beerdigung kommen? Vielleicht viele Freunde und Kollegen – allesamt traurig über den Zustand, dass Alfred mit 55 Jahren schon gehen musste. So kurz vor seinem 56ten Geburtstag. Hätte er Familie gehabt? Die intakt wäre? Kinder? Er, ein guter Vater?

So viele Gedanken hatte Alfred sich darum gemacht. Damals, vor dreißig Jahren. Auf den Tag genau war das nun dreißig Jahre her. Und nun sollte er also heute sterben. Während er das dachte, schritt er durch das weiche Gras seines großen Vorgartens. Sonne von oben, Wind von vorn. Er streifte sich eine Schirmmütze über seinen kahlen Kopf, sonst gibts sofort einen Sonnenbrand sagen doch alle immer. Aber ja und? Heute ist es doch eh vorbei. Dabei lachte er vor Bitterkeit.
Alfred passierte die Gehwegplatten seiner Autozufahrt und ging in Richtung der leer stehenden Garage, bog allerdings kurz davor rechts ab in den hinteren Teil seines Grundstückes. Hier standen die großen Eichen am Rande des Zauns. Einige Bäume verloren bereits ihre Blätter, der Herbst nahte mit großen Schritten. „Wir haben ja schon September, da geht das schon durch“, redete er mit sich selber. Trotzdem war ihm wohlig warm. Daran hatte er sich schon gewöhnt. Dass sein Körper ihm mitunter gerne Streiche spielte, wenn es darum ging, ob es kalt oder warm wäre. Vielleicht war es bitter kalt, nur merkte er es nicht. Vielleicht schien die Sonne so lächerlich, dass er gar keine Mütze brauchte. Er nahm sie ab und fühlte sich kurzzeitig stark in seinem schwachen Körper.
Von drüben rief der benachbarte Arzt herüber. Seit 15 Jahren kannten die beiden sich schon. Als Alfred das Haus von seiner Tante kaufte, wohnte Doktor Stevenson schon einige Jahre dort. Sein Vater vererbte ihm die geräumige Villa mit Schwimmbad. „Wie geht es ihnen heute, werter Herr Nachbar“, fragte der Arzt mit einem Lächeln. Alfred wünschte sich, auch mal so zu lächeln. Falsch-freundlich, aber dennoch hoffnungsvoll. Sonst sagte er immer, dass es ihm gute ginge. Normalerweise antwortete der Arzt dann, dass es ihn freuen würde. Ein letztes Mal wollte er nun nicht mehr die Lüge, diese elende Phrase benutzen. „Oh, es geht mir durchaus gut, danke der Nachfrage. Habe nur ein wenig schlecht geträumt. Machen sie es gut Herr Nachbar“, antwortete ihm Alfred. Mit einer bemühten Armbewegung winkte er und ging rechts an der Garage vorbei in den hintersten Teil des Gartens.

Hier war es schön. Das Licht der Sonne wurde heller und wärmer. Ach so ist das also, ich werde hier einfach warten, dachte sich Alfred und fiel langsam in das Gras. Hier war der Rasen fülliger und weicher zum Hinfallen als im Vorgarten. Er verstand es nun. Der Film, der nun schon den halben Tag andauerte, neigte sich seinem Ende zu. Und eine Stimme sagte zu ihm, dass es nun Zeit wäre. „Zeit wofür? Ach – ja. Ja, es ist Zeit zu gehen, das denke ich auch.“ Sein Kopf senkte sich ins Gras, seine Glieder entspannten sich. Auf seinem Mund verblieb ein zufriedenes Lächeln. Alfred war tot.

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