"Wäre sein Vater Jäger gewesen, wäre er auch Jäger geworden" - Diskussionsrunde zum 150. Geburtstag Wilhelms II. im Bremer Rauthaus mit Hans-Ulrich Wehler
Im ehrwürdigen Bremer Rathaus fand heute in der oberen Halle eine Diskussionsrunde zum Thema Wilhelm II. statt. Zu Gast waren der deutschlandweit bekannte Historiker Hans-Ulrich Wehler (Bielefeld), der Bremer Historiker Lothar Machtan, die Publizistin Franziska Augstein (München) und Rainer von Hessen, ebenfalls Publizist. Moderiert wurde die Runde von Rolf Seelmann-Eggebert, dessen Stimme man vielleicht aus dem Radio kennt. Oder TV. Einleitende Worte fand unser Bürgermeister Jens Böhrnsen.
Für mich war es nicht nur die erste wissenschaftliche Diskussion, der ich beiwohnen durfte, sondern zugleich der erste Besuch im bremischen Rathaus. Die obere Halle ist wirklich beeindruckend, vor allem die von der Decke hängenden, riesigen Kanonenboote, deren Kanonen von ihren Proportionen her wenig zu den Schiffen passen. Und – um die anfänglichen Nebensächlichkeiten damit abzuhaken -, die Stühle sind unglaublich ungemütlich, nach einer knappen halben Stunde wird das weitere Zuhören ziemlich anstrengend.
Nun zum Thema: Behandelt wurde der gesamte Lebensweg von Wilhelm II., jedoch konzentrierte man sich (gezwungener Maßen natürlich) auf einige Lebensabschnitte bzw. Zäsuren in Wilhelms Leben. Sofern ich das noch alles rekapitulieren kann, wurden folgende Punkte angesprochen bzw. diskutiert: Geburt, Beziehung zur Mutter, zum Vater, körperliche Kondition aufgrund Geburtsfehler, Erziehung und Bildung, Krönung zum Kaiser, politisches Wirken bis zum Ersten Weltkrieg, Rolle nach dem Ersten Weltkrieg, Exil, fragwürdige Entwicklung Wilhelms im Exil.
Zwischendurch las der Moderator zwei Textstellen (aus den Büchern Lothar Machtans und Sebastian Haffners) vor und es gab eine kurze Tonaufnahme von Wilhelm II. zu hören.
Der Besucherandrang war erwartungsgemäß hoch, eventuell auch, weil man Hans-Ulrich Wehler nicht alle Tage zu Gesicht bekommt. Zumindest war er der hauptsächliche Grund, warum wir eigentlich zum Rathaus pilgerten. Selbst in der letzten Reihe quetschte man noch weitere Stühle, andere wiederum störte es wenig, die Diskussion im Stehen zu verfolgen (was bei den Stühlen sicher nicht weiter schlimm war).
Wehler selbst machte einen sehr unterhaltsamen Eindruck. Mit einigen Spitzen in Richtung der geistlichen Verfassung bzw. Konstituierung Wilhelms startete er die Runde und brachte auf den Punkt, was später mehrfach kurz zur Sprache kam: Wilhelm II. hatte nicht das geistige und politische Rüstzeug als Regent. Man bezog sich meist auf die zuletzt erschienene Biographie des britischen Historikers John Röhl, die für das Leben Wilhelms als Standardwerk anzusehen ist. Die Diskussion bereicherten Augstein und von Hessen mit Anekdoten und Fachwissen, jedoch blieben beide neben Wehler und Machtan etwas blass. Obgleich zwischen den beiden Professoren kein richtiger Schlagabtausch stattfand, positionierten beide ihre Standpunkte und zweifelten durchaus die Meinung des Gegenübers an. Dies geschah mit guten Argumenten und in einer unbeschreiblichen Eloquenz. Auf jegliche weitere inhaltliche Wiedergabe habe ich übrigens keine Lust.
Insgesamt eine sehr unterhaltsame und interessante Diskussion. Wehler gesehen zu haben, ist für uns (also für mich und meinen Kollegen) eine Erfahrung wert gewesen. Die Studenten und an der Uni Bielefeld sind zu beneiden. Für Leute, die sich vorher schon halbwegs intensiv mit der Thematik befasst haben, bot der Abend wissenstechnisch allerdings wenig Neues. Was die abendliche Erfahrung selbstverständlich in unserem Fall wenig schmälerte.
Zum Lesen:
John C. G. Röhl: Wilhelm II. Band 1: Die Jugend des Kaisers. 1859–1888. Beck, München 1993,
Band 2: Der Aufbau der Persönlichen Monarchie. 1888–1900. Beck, München 2001,
Band 3: Der Weg in den Abgrund. 1900–1941. Beck, München 2008.
John C. G. Röhl: Kaiser, Hof und Staat. Wilhelm II. und die deutsche Politik. Beck, München 2002
Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18. Nachdruck der Sonderausgabe 1967. Droste, Düsseldorf 1984.
Lothar Machtan: Die Abdankung: Wie Deutschlands gekrönte Häupter aus der Geschichte fielen, Berlin 2008.
Und natürlich die Wehlersche Gesellschaftsgeschichte...
Für mich war es nicht nur die erste wissenschaftliche Diskussion, der ich beiwohnen durfte, sondern zugleich der erste Besuch im bremischen Rathaus. Die obere Halle ist wirklich beeindruckend, vor allem die von der Decke hängenden, riesigen Kanonenboote, deren Kanonen von ihren Proportionen her wenig zu den Schiffen passen. Und – um die anfänglichen Nebensächlichkeiten damit abzuhaken -, die Stühle sind unglaublich ungemütlich, nach einer knappen halben Stunde wird das weitere Zuhören ziemlich anstrengend.
Nun zum Thema: Behandelt wurde der gesamte Lebensweg von Wilhelm II., jedoch konzentrierte man sich (gezwungener Maßen natürlich) auf einige Lebensabschnitte bzw. Zäsuren in Wilhelms Leben. Sofern ich das noch alles rekapitulieren kann, wurden folgende Punkte angesprochen bzw. diskutiert: Geburt, Beziehung zur Mutter, zum Vater, körperliche Kondition aufgrund Geburtsfehler, Erziehung und Bildung, Krönung zum Kaiser, politisches Wirken bis zum Ersten Weltkrieg, Rolle nach dem Ersten Weltkrieg, Exil, fragwürdige Entwicklung Wilhelms im Exil.
Zwischendurch las der Moderator zwei Textstellen (aus den Büchern Lothar Machtans und Sebastian Haffners) vor und es gab eine kurze Tonaufnahme von Wilhelm II. zu hören.
Der Besucherandrang war erwartungsgemäß hoch, eventuell auch, weil man Hans-Ulrich Wehler nicht alle Tage zu Gesicht bekommt. Zumindest war er der hauptsächliche Grund, warum wir eigentlich zum Rathaus pilgerten. Selbst in der letzten Reihe quetschte man noch weitere Stühle, andere wiederum störte es wenig, die Diskussion im Stehen zu verfolgen (was bei den Stühlen sicher nicht weiter schlimm war).
Wehler selbst machte einen sehr unterhaltsamen Eindruck. Mit einigen Spitzen in Richtung der geistlichen Verfassung bzw. Konstituierung Wilhelms startete er die Runde und brachte auf den Punkt, was später mehrfach kurz zur Sprache kam: Wilhelm II. hatte nicht das geistige und politische Rüstzeug als Regent. Man bezog sich meist auf die zuletzt erschienene Biographie des britischen Historikers John Röhl, die für das Leben Wilhelms als Standardwerk anzusehen ist. Die Diskussion bereicherten Augstein und von Hessen mit Anekdoten und Fachwissen, jedoch blieben beide neben Wehler und Machtan etwas blass. Obgleich zwischen den beiden Professoren kein richtiger Schlagabtausch stattfand, positionierten beide ihre Standpunkte und zweifelten durchaus die Meinung des Gegenübers an. Dies geschah mit guten Argumenten und in einer unbeschreiblichen Eloquenz. Auf jegliche weitere inhaltliche Wiedergabe habe ich übrigens keine Lust.
Insgesamt eine sehr unterhaltsame und interessante Diskussion. Wehler gesehen zu haben, ist für uns (also für mich und meinen Kollegen) eine Erfahrung wert gewesen. Die Studenten und an der Uni Bielefeld sind zu beneiden. Für Leute, die sich vorher schon halbwegs intensiv mit der Thematik befasst haben, bot der Abend wissenstechnisch allerdings wenig Neues. Was die abendliche Erfahrung selbstverständlich in unserem Fall wenig schmälerte.
Zum Lesen:
John C. G. Röhl: Wilhelm II. Band 1: Die Jugend des Kaisers. 1859–1888. Beck, München 1993,
Band 2: Der Aufbau der Persönlichen Monarchie. 1888–1900. Beck, München 2001,
Band 3: Der Weg in den Abgrund. 1900–1941. Beck, München 2008.
John C. G. Röhl: Kaiser, Hof und Staat. Wilhelm II. und die deutsche Politik. Beck, München 2002
Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18. Nachdruck der Sonderausgabe 1967. Droste, Düsseldorf 1984.
Lothar Machtan: Die Abdankung: Wie Deutschlands gekrönte Häupter aus der Geschichte fielen, Berlin 2008.
Und natürlich die Wehlersche Gesellschaftsgeschichte...
indylaa - 20. Januar, 23:09

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