Geschichte: Liebe ist Alles.
Alfred lag noch lange wach und starrte an die Decke. Dies tat er oft in letzter Zeit, manchmal hat man eben solche Tage, wo man nicht einschlafen kann und nachdenklich ist. Mittlerweile war er eben jener Tätigkeit schon überdrüssig, weil er einfach nur schlafen wollte, denn morgen hatte er wieder Uni.
Aber, naja, wie sollte man denn schlafen zu früher Stunde, wenn man die Nacht zuvor erst um vier zu Hause war, völlig besoffen. Bier gab es und Schnaps. Nur etwas zu viel.
Nun schaut Alfred sich also weiterhin die Decke seines Zimmers an und wartet darauf, in tiefen und erholsamen Schlaf zu fallen. Vor seinem geistigen Auge schwirren unzählige Bilder und Gedanken umher, die ihn auf Trab halten. Er denkt an seine vergangenen Beziehungen, wie so oft. Was hatte er schon nicht alles durchgemacht, dachte er sich.
Seine erste große Liebe, mit der kam er gar nicht erst zusammen, denn am gleichen Abend in der Disco, wo er sich viel vorgenommen hatte, war sie bereits kerzengrade und lief ihrem anderen Schwarm hinterher. Dabei frug sie Alfred doch, ob er nicht abends auch in die Disco gehen würde. Ihm war nicht mehr nach tanzen und trinken und schwärmen zumute, er gab sein Geld für ein Taxi aus und fuhr heim. Später meinte sie, sie wäre nicht mit ihm zusammen, weil er kiffen würde. Welch Taktgefühl möchte man meinen, sagte er sich.
* * *
In seinem Bett liegen zwei Bettdecken. Er hatte sich irgendwie daran gewöhnt mit zwei Decken im Bett zu schlafen, schon vor seiner letzten Freundin. Auch wusste er gar nicht, wohin mit der zweiten Decke, weil er eh kaum Platz hatte in seinem WG-Zimmer. Überall liegen Bücher herum, etliche Romane und Fachbücher, für die schon so oft schief angeschaut wurde von seinen Freunden. „Liest du das zum Vergnügen?“ fragte ihn eine Freundin. Nein, genau das Buch eben nicht. Dabei las er wenige Tage später die Einleitung und fand es gut und interessant. Davon sagte er aber niemandem etwas, weil er vielleicht eh schon sonderbar oder nerd-like war. Er empfand sich als ganz normal. Was ist schon normal? Wer bestimmt so etwas? Ach egal, dachte sich Alfred und drehte seinen Kopf nach rechts, denn er schlief links, aber rechts lag niemand. Leider.
Manchmal wünschte er sich wieder eine Frau neben sich im Bett oder nur jemanden, der ihn in den Arm nimmt. Die letzte Frau, die bei ihm schlief, meldete sich nur selten. Einst küssten sie sich, nun roch nur noch das geliehene T-Shirt nach ihr und die Seite wo sie schlief. Er wollte allerdings auch nicht immer der Depp sein, der sich ständig meldete und sie frug, ob sie was miteinander machen wollten. Sie hatte ihn noch nie gefragt. Ihre Schönheit lässt sich kaum in Worte fassen. So eine schöne Frau hatte er nur einmal in Hamburg getroffen.
* * *
Kurzzeitig war er froh, nicht mehr an sie zu denken und seine Gedanken sich woanders hinbegaben. Leider dachte er nun an seine erste große Beziehung, die so bitter für ihn endete. Vom Regen in die Traufe und nun stand er mitten im Wolkenbruch.
Gott, wie lange lief ich ihr hinterher und wie lange habe ich gebraucht, über sie hinwegzukommen, sagte er immer zu sich selber. Vielleicht vier, vielleicht fünf Jahre seines Lebens kosteten ihn diese Frau. Eine lange Zeit.
Sie lernten sich über Umwege kennen, so genau kann sich Alfred nicht mehr erinnern. Ganz sicher ist er sich aber, dass er nicht lange brauchte, um zu kapieren, dass sie „es“ wäre. Er liebte sie auf den ersten Blick, es war wie im Film. Nur die Musik fehlte. Aber die sollte noch kommen.
Sie wartete immer auf irgendein Zeichen, welches ihr sagte, dass sie mit ihm endlich zusammenkommen soll. Traf er sich mit einer anderen, wusste sie dies kurze Zeit später. Die dörfliche Idylle hatte auch ihre Nachteile. Jule, so hieß sie, wurde auf der Stelle eifersüchtig und Alfred konnte einfach nicht verstehen warum. Sie wollte ihn doch nicht, sollte sie doch alleine auf ihr bescheuertes Zeichen warten. Teenager.
Zu Ostern kündigte sie ihm dann die Freundschaft, weil er ihr eifersüchtiges Verhalten dämlich fand. Sie verstand es meisterhaft, allen Leuten ein schlechtes Gewissen zu machen und regte sich auf, dass keiner mehr was mit ihr machen würde. Alle hatten Spaß, nur sie nicht. Er war der einzige, der sich traute, ihr dies zu sagen und bekam dafür die Rechnung geschickt. Er akzeptierte ihre Entscheidung nur widerwillig, aber was sollte er machen? Alfred wusste, dass Jule es nicht lange ohne ihn aushalten würde, denn er fühlte, wie sehr sie ihn mochte, seine Nähe genoss und sich von ihm in den Arm nehmen lies. Vielleicht liebte sie ihn, ohne es zu merken.
* * *
Jule meldete sich irgendwann zurück, denn sie hielt es in der Tat nicht ohne ihn aus. Sie wollte sich mit ihm treffen und die Sommerferien standen vor der Tür, schließlich waren einige Wochen vergangen, als sie sich zuletzt sahen. Sie drückte ihm die Luft weg beim Wiedersehen, er wunderte sich über ihre Stärke. So schöne Ferien hatte er lange nicht mehr erlebt. Ihre Wärme und Zuneigung taten ihm gut und es dauerte nicht lange, bis sie fummelten. Einmal zog sie seine Hand weg, weil sie dachte, er würde vielleicht zu weit gehen. Das hatte er, so unglaublich es auch klingen mag für einen Jungen, gar nicht vor. Zu lange lief er ihr schon hinterher, nun wollte er, dass sie den ersten Schritt tat. Er würde sie nicht als erstes Küssen und beim fummeln würde er auch nicht zu weit gehen. Jule schämte sich ein bisschen, so etwas von ihm gedacht zu haben. Aber ihr Gefummel wurde mehr, ihre Küsse landeten aber weiterhin nur auf Wange und Hals.
Knapp zwei Wochen vor dem Ende der Ferien saßen sie beide bei ihm auf dem Sofa, die Sonne schien warm durchs Fenster. Zum Abscheid gab sie ihm einen Kuss und am nächsten Tag wartete sie nach dem Basketballtraining auf ihn und wollte mehr. Sie stieg vom Roller, kam schnurstracks auf Alfred zu und fragte ihn, ob sie ihn küssen dürfe. Natürlich. Der Gedanke, nun eine Freundin zu haben, gefiel ihm. So lange wollte er Jule schon haben. Ziel erreicht und er wachte mindestens zwei Wochen lang mit dem gleichen Gedanken auf und freute sich deswegen.
Wochenlang hingen sie sich auf der Pelle. Manchmal in den Schulpausen besuchten sie sich oder fuhren nach Unterrichtsschluss zusammen mit dem Fahrrad zu ihr. Er wartete dann immer in der Eingangshalle ihrer Schule und sie fiel ihm in den Arme. Jeder sah ihr gemeinsames Glück und es ist schon erstaunlich, wie viele Leute durch das Glück anderer einfach unglaublich angepisst sind. Aber Jule und Alfred bekamen wenig um sich herum mit. Sie hatten ja sich beide, das reichte vollkommen aus.
Als ihre Eltern endlich erlaubten, dass Alfred bei ihr schlafen durfte, rumorte der Vater, weil er es falsch verstand, fand sich aber spätestens am Frühstückstisch damit ab, dass sie nun zu viert dort saßen. Obgleich die beiden schon zwei Nächte miteinander verbrachten, als ihre Eltern wegfuhren…
Sie gab ihm tausend kitschige Spitznamen, über die er sich freute, er gab ihr zwei Namen, die nicht schöner hätten sein können. Für ihn war es selbstverständlich, wie wenig bis gar nicht ihn andere Frauen interessierten und er nur Jule wunderschön fand oder wie oft man an eine Person am Tag denken kann. Mit ihr im Kopf stand er auf, mit ihr ging er ins Bett, auch wenn sie nicht da war.
* * *
Nach einem Jahr glücklicher Beziehung kam irgendwie der Wendepunkt in das Leben von Alfred und Jule. Das gemeinsame Wochenende verkam zur Gewohnheit, sie wollte nur noch kuscheln, er wollte wieder mal Sex haben, sie nahm ihn auf eine Party mit, ihm wurde vom Essen schlecht, sie wollte trotzdem nicht heim und war beleidigt, er fand es unfair, weil er nie etwas sagte, wenn sie um Mitternacht schlafen wollte. Morgens weckte sie ihn, weil sie Hunger hatte und er mit musste, sie machte Anstalten, wenn er liegen blieb. Er kam zu spät zu ihr, weil er lieber vor dem Computer saß, miteinander telefonieren kam nur noch selten vor. Wenn er fahren musste, trank sie nichts, wenn sie fuhr, war er betrunken und im Bett war der Alkoholgeruch weniger förderlich. Alfred wusste, dass etwas nicht in Ordnung war. Er fühlte sich von ihr ausgebremst, wenn alle Freunde miteinander tranken und feierten, er entweder nicht dabei oder auf dem Heimweg war. Zu Hause angekommen schlief sie sofort ein, er starrte nun an ihre Decke.
Leider, und wie es wohl so oft noch in seinem Leben sein wird, traute er sich nicht, die Probleme, die sie hatten, anzusprechen. Er wollte die angebliche Harmonie, die sie sich beide vorspielten, nicht zerstören. Abends lag er im Bett und bekam Sodbrennen, wenn er sich wieder mal über das verkorkste Wochenende aufregte. Vielleicht Dummheit, ganz bestimmt Liebe und Verblendung leiteten seinen Ärger in den Magen. Aber Jule sprach selber nicht über etwaige Probleme, hatte aber soviel Mitgefühl ihm mitzuteilen, sie hätte keine Lust mit ihm zu schlafen. Das traf ihn schlimm, direkter Schlag gegen das Kinn. Alfred fiel auf den Boden.
* * *
In der Schule saß er nun im Leistungskurs Chemie neben Valerie, die er sehr mochte. Vorher war sie ihm noch nicht aufgefallen, was durchaus an Jule lag, die wirklich sehr schön war und er eine lange Zeit nur Augen für sie übrig hatte. Aber ihr K.O.-Schlag setzte ihn wieder auf den Boden der Tatsachen und erinnerte ihn daran, dass sie begann, sich von ihm zu entfremden und in der Welt noch andere Frauen rumliefen, die ihm gefielen würden. Valerie und er freundeten sich schnell an, er bekam ihre Nummer und sie schrieben sich von Zeit zu Zeit. Wenn er betrunken war, schrieb er ihr anzügliche SMS, die sie erwiderte. Liebte er Jule?
Bei Valerie hatte er keinen Erfolg. Wollte sie, war er zu feige, den ersten Schritt zu machen, andersherum das Gleiche. Alfred besann sich, wollte wie der Schuster bei seinen Leisten bleiben und versuchen, die Beziehung mit Jule zu retten, doch dafür war es schon lange zu spät. Aus der Gewohnheit kamen sie nicht mehr heraus. War diese Beziehung eigentlich schon zu Ende? Zusammen aufstehen und duschen, dann auf Wiedersehen sagen und sich abends wieder treffen. Wie langweilig.
Währenddessen lernte Jule in der Schule auch jemanden kennen. Im Grundkurs Spanisch saß er neben ihr, machte ihr schöne Augen und sie schrieben sich, auch wenn Alfred neben ihr im Bett lag und sie ihm sagte, sie schreibt ihrer besten Freundin. Er schaute zwar nie nach in ihrem Handy, aber er wusste genau was los war, denn sein Gefühl täuschte sich selten in solchen Dingen.
Vor dem Badezimmerspiegel stand er hinter ihr und sagte ihr, dass er sie liebe, doch Jule erwiderte nur, dass sie ihn auch lieb hätte. Heute noch fragt er sich, wie er so ein Zeichen einfach übersehen konnte und nicht sofort den Schlussstrich zog. Alfred war nicht nur verliebt in sie, sondern auch abhängig. Das schlimmste stand ihm also noch bevor.
An einem Samstag im kalten Februar lagen beide in Jules Bett, Arm in Arm wachten sie auf und Alfred wusste, er hatte noch nie so schön geschlafen in seinem Leben. Die folgende Nacht war allerdings das genaue Gegenteil. Nicht mal 24 Stunden später saßen sie sich beide gegenüber in seinem Bett, er heulte so heftig, dass er kaum Luft bekam und krampfte. Jule machte den ersten Schritt. Den, den Alfred schon vor Monaten hätte machen müssen. Nun brach sie ihm das Herz. Am Abend zuvor stritten sie sich noch und Alfred wusste, dass dies das Ende sein würde. Aber warum tat er denn nichts? Alfred war hilflos.
Noch nie hatte er sie so sehr geliebt wie jetzt und noch nie war sie so weit entfernt von ihm, obwohl sie sich beide in den Armen lagen. Noch jetzt war er zu feige, irgendetwas ehrliches zu sagen und das es vielleicht richtig war mit dem Ende der Beziehung. Jule fand nur fadenscheinige Gründe, ihm den Laufpass zu geben, doch er fühlte, dass dies nicht der einzige Grund war. So ganz inaktiv war sein Kopf doch nicht gewesen und sein Gefühl täuschte sich auch hier wieder nicht, denn er lag richtig. Verdammt richtig.
* * *
Nach vier Wochen konnte Alfred wieder essen, hatte viel abgenommen, was sich in der Zeit zuvor an seine Hüften gehängt hatte und er ging wieder zum Basketballtraining. Das Gefühl von Freiheit tat ihm gut, denn er musste sich nicht mehr weiter plagen. Zwar starrte er nun so oft wie noch nie an seine scheiß Decke, aber die Magenschmerzen gingen weg. Seine Freunde lenkten ihn ab und halfen ihm weiter, auch die, die er früher vernachlässigte.
Jule hatte für ihren Teil den Eindruck, dass es ihm gut ging und nun konnte sie Stufe zwei starten und mit Björn aus dem Grundkurs Spanisch anbandeln. Was er vermutete, wurde nun Realität und diese traf ihn härter als der eigentliche Gedanke daran. Die Nudeln, die er sich gerade gemacht hatte, landeten im Mülleimer und er schmiss sich auf sein Bett. Dankenswerter Weise hatte er es durch eine Freundin erfahren und Alfred rief bei Jule an. Ganz frisch war es, sie wollte ihn noch anrufen. Klar, auf der nächsten Party wäre Björn Alfreds Überraschung gewesen. Gott, wie er sie hasste. Wie kann ein Mensch einem nur so etwas antun? Freunde bleiben? Verpiss dich, dachte sich Alfred. Du hättest doch versuchen können, mich zurückzuerobern, sagte sie zu ihm. Wie scheinheilig im Nachhinein.
Er brach den Kontakt schnell ab, denn er wollte sich nicht weiter quälen lassen. Vieles blieb deswegen vielleicht ungesagt. Sie schrieb ihm, wenn sie betrunken war und ein wenig Mut gefasst hatte, dass sie ihn vermissen würde. Wollte sie Alfreds Herz nur noch kurz erinnern, dass es auch schmerzen kann? Sie solle ihn gefälligst in Ruhe lassen, schrieb er zurück, aber sie lies nicht locker. Ihre Freundschaft wolle er nicht, das wäre zu wenig. Die SMS ließen irgendwann nach und hörten dann ganz auf. Nur noch wenige Male traf er sie, wenn er es nicht erwartete und sein Bauch machte sich kurz bemerkbar.
Die Zeit heilte Alfreds Wunden nur sehr langsam. Aber er wurde zufriedener und glücklicher mit seinem Leben, welches nun ohne sie stattfand. Was bedeutet Freiheit? Es dauerte bestimmt zwei Jahre, bis er über sie hinweg war. Nun liegt alles, was ihn an Jule erinnern würde, in einer kleinen unscheinbaren Kiste im Regal. Liebe ist wieder etwas schönes und Alfred starrt lieber nach rechts als an die Decke. Wenn da nur ein Mädchen liegen würde…
Alfred schaut auf die Uhr und er hat, wenn er denn jetzt einschlafen würde, noch ca. fünf Stunden zu schlafen. Gute Nacht, Alfred.
Aber, naja, wie sollte man denn schlafen zu früher Stunde, wenn man die Nacht zuvor erst um vier zu Hause war, völlig besoffen. Bier gab es und Schnaps. Nur etwas zu viel.
Nun schaut Alfred sich also weiterhin die Decke seines Zimmers an und wartet darauf, in tiefen und erholsamen Schlaf zu fallen. Vor seinem geistigen Auge schwirren unzählige Bilder und Gedanken umher, die ihn auf Trab halten. Er denkt an seine vergangenen Beziehungen, wie so oft. Was hatte er schon nicht alles durchgemacht, dachte er sich.
Seine erste große Liebe, mit der kam er gar nicht erst zusammen, denn am gleichen Abend in der Disco, wo er sich viel vorgenommen hatte, war sie bereits kerzengrade und lief ihrem anderen Schwarm hinterher. Dabei frug sie Alfred doch, ob er nicht abends auch in die Disco gehen würde. Ihm war nicht mehr nach tanzen und trinken und schwärmen zumute, er gab sein Geld für ein Taxi aus und fuhr heim. Später meinte sie, sie wäre nicht mit ihm zusammen, weil er kiffen würde. Welch Taktgefühl möchte man meinen, sagte er sich.
Manchmal wünschte er sich wieder eine Frau neben sich im Bett oder nur jemanden, der ihn in den Arm nimmt. Die letzte Frau, die bei ihm schlief, meldete sich nur selten. Einst küssten sie sich, nun roch nur noch das geliehene T-Shirt nach ihr und die Seite wo sie schlief. Er wollte allerdings auch nicht immer der Depp sein, der sich ständig meldete und sie frug, ob sie was miteinander machen wollten. Sie hatte ihn noch nie gefragt. Ihre Schönheit lässt sich kaum in Worte fassen. So eine schöne Frau hatte er nur einmal in Hamburg getroffen.
Gott, wie lange lief ich ihr hinterher und wie lange habe ich gebraucht, über sie hinwegzukommen, sagte er immer zu sich selber. Vielleicht vier, vielleicht fünf Jahre seines Lebens kosteten ihn diese Frau. Eine lange Zeit.
Sie lernten sich über Umwege kennen, so genau kann sich Alfred nicht mehr erinnern. Ganz sicher ist er sich aber, dass er nicht lange brauchte, um zu kapieren, dass sie „es“ wäre. Er liebte sie auf den ersten Blick, es war wie im Film. Nur die Musik fehlte. Aber die sollte noch kommen.
Sie wartete immer auf irgendein Zeichen, welches ihr sagte, dass sie mit ihm endlich zusammenkommen soll. Traf er sich mit einer anderen, wusste sie dies kurze Zeit später. Die dörfliche Idylle hatte auch ihre Nachteile. Jule, so hieß sie, wurde auf der Stelle eifersüchtig und Alfred konnte einfach nicht verstehen warum. Sie wollte ihn doch nicht, sollte sie doch alleine auf ihr bescheuertes Zeichen warten. Teenager.
Zu Ostern kündigte sie ihm dann die Freundschaft, weil er ihr eifersüchtiges Verhalten dämlich fand. Sie verstand es meisterhaft, allen Leuten ein schlechtes Gewissen zu machen und regte sich auf, dass keiner mehr was mit ihr machen würde. Alle hatten Spaß, nur sie nicht. Er war der einzige, der sich traute, ihr dies zu sagen und bekam dafür die Rechnung geschickt. Er akzeptierte ihre Entscheidung nur widerwillig, aber was sollte er machen? Alfred wusste, dass Jule es nicht lange ohne ihn aushalten würde, denn er fühlte, wie sehr sie ihn mochte, seine Nähe genoss und sich von ihm in den Arm nehmen lies. Vielleicht liebte sie ihn, ohne es zu merken.
Knapp zwei Wochen vor dem Ende der Ferien saßen sie beide bei ihm auf dem Sofa, die Sonne schien warm durchs Fenster. Zum Abscheid gab sie ihm einen Kuss und am nächsten Tag wartete sie nach dem Basketballtraining auf ihn und wollte mehr. Sie stieg vom Roller, kam schnurstracks auf Alfred zu und fragte ihn, ob sie ihn küssen dürfe. Natürlich. Der Gedanke, nun eine Freundin zu haben, gefiel ihm. So lange wollte er Jule schon haben. Ziel erreicht und er wachte mindestens zwei Wochen lang mit dem gleichen Gedanken auf und freute sich deswegen.
Wochenlang hingen sie sich auf der Pelle. Manchmal in den Schulpausen besuchten sie sich oder fuhren nach Unterrichtsschluss zusammen mit dem Fahrrad zu ihr. Er wartete dann immer in der Eingangshalle ihrer Schule und sie fiel ihm in den Arme. Jeder sah ihr gemeinsames Glück und es ist schon erstaunlich, wie viele Leute durch das Glück anderer einfach unglaublich angepisst sind. Aber Jule und Alfred bekamen wenig um sich herum mit. Sie hatten ja sich beide, das reichte vollkommen aus.
Als ihre Eltern endlich erlaubten, dass Alfred bei ihr schlafen durfte, rumorte der Vater, weil er es falsch verstand, fand sich aber spätestens am Frühstückstisch damit ab, dass sie nun zu viert dort saßen. Obgleich die beiden schon zwei Nächte miteinander verbrachten, als ihre Eltern wegfuhren…
Sie gab ihm tausend kitschige Spitznamen, über die er sich freute, er gab ihr zwei Namen, die nicht schöner hätten sein können. Für ihn war es selbstverständlich, wie wenig bis gar nicht ihn andere Frauen interessierten und er nur Jule wunderschön fand oder wie oft man an eine Person am Tag denken kann. Mit ihr im Kopf stand er auf, mit ihr ging er ins Bett, auch wenn sie nicht da war.
Leider, und wie es wohl so oft noch in seinem Leben sein wird, traute er sich nicht, die Probleme, die sie hatten, anzusprechen. Er wollte die angebliche Harmonie, die sie sich beide vorspielten, nicht zerstören. Abends lag er im Bett und bekam Sodbrennen, wenn er sich wieder mal über das verkorkste Wochenende aufregte. Vielleicht Dummheit, ganz bestimmt Liebe und Verblendung leiteten seinen Ärger in den Magen. Aber Jule sprach selber nicht über etwaige Probleme, hatte aber soviel Mitgefühl ihm mitzuteilen, sie hätte keine Lust mit ihm zu schlafen. Das traf ihn schlimm, direkter Schlag gegen das Kinn. Alfred fiel auf den Boden.
Bei Valerie hatte er keinen Erfolg. Wollte sie, war er zu feige, den ersten Schritt zu machen, andersherum das Gleiche. Alfred besann sich, wollte wie der Schuster bei seinen Leisten bleiben und versuchen, die Beziehung mit Jule zu retten, doch dafür war es schon lange zu spät. Aus der Gewohnheit kamen sie nicht mehr heraus. War diese Beziehung eigentlich schon zu Ende? Zusammen aufstehen und duschen, dann auf Wiedersehen sagen und sich abends wieder treffen. Wie langweilig.
Währenddessen lernte Jule in der Schule auch jemanden kennen. Im Grundkurs Spanisch saß er neben ihr, machte ihr schöne Augen und sie schrieben sich, auch wenn Alfred neben ihr im Bett lag und sie ihm sagte, sie schreibt ihrer besten Freundin. Er schaute zwar nie nach in ihrem Handy, aber er wusste genau was los war, denn sein Gefühl täuschte sich selten in solchen Dingen.
Vor dem Badezimmerspiegel stand er hinter ihr und sagte ihr, dass er sie liebe, doch Jule erwiderte nur, dass sie ihn auch lieb hätte. Heute noch fragt er sich, wie er so ein Zeichen einfach übersehen konnte und nicht sofort den Schlussstrich zog. Alfred war nicht nur verliebt in sie, sondern auch abhängig. Das schlimmste stand ihm also noch bevor.
An einem Samstag im kalten Februar lagen beide in Jules Bett, Arm in Arm wachten sie auf und Alfred wusste, er hatte noch nie so schön geschlafen in seinem Leben. Die folgende Nacht war allerdings das genaue Gegenteil. Nicht mal 24 Stunden später saßen sie sich beide gegenüber in seinem Bett, er heulte so heftig, dass er kaum Luft bekam und krampfte. Jule machte den ersten Schritt. Den, den Alfred schon vor Monaten hätte machen müssen. Nun brach sie ihm das Herz. Am Abend zuvor stritten sie sich noch und Alfred wusste, dass dies das Ende sein würde. Aber warum tat er denn nichts? Alfred war hilflos.
Noch nie hatte er sie so sehr geliebt wie jetzt und noch nie war sie so weit entfernt von ihm, obwohl sie sich beide in den Armen lagen. Noch jetzt war er zu feige, irgendetwas ehrliches zu sagen und das es vielleicht richtig war mit dem Ende der Beziehung. Jule fand nur fadenscheinige Gründe, ihm den Laufpass zu geben, doch er fühlte, dass dies nicht der einzige Grund war. So ganz inaktiv war sein Kopf doch nicht gewesen und sein Gefühl täuschte sich auch hier wieder nicht, denn er lag richtig. Verdammt richtig.
Jule hatte für ihren Teil den Eindruck, dass es ihm gut ging und nun konnte sie Stufe zwei starten und mit Björn aus dem Grundkurs Spanisch anbandeln. Was er vermutete, wurde nun Realität und diese traf ihn härter als der eigentliche Gedanke daran. Die Nudeln, die er sich gerade gemacht hatte, landeten im Mülleimer und er schmiss sich auf sein Bett. Dankenswerter Weise hatte er es durch eine Freundin erfahren und Alfred rief bei Jule an. Ganz frisch war es, sie wollte ihn noch anrufen. Klar, auf der nächsten Party wäre Björn Alfreds Überraschung gewesen. Gott, wie er sie hasste. Wie kann ein Mensch einem nur so etwas antun? Freunde bleiben? Verpiss dich, dachte sich Alfred. Du hättest doch versuchen können, mich zurückzuerobern, sagte sie zu ihm. Wie scheinheilig im Nachhinein.
Er brach den Kontakt schnell ab, denn er wollte sich nicht weiter quälen lassen. Vieles blieb deswegen vielleicht ungesagt. Sie schrieb ihm, wenn sie betrunken war und ein wenig Mut gefasst hatte, dass sie ihn vermissen würde. Wollte sie Alfreds Herz nur noch kurz erinnern, dass es auch schmerzen kann? Sie solle ihn gefälligst in Ruhe lassen, schrieb er zurück, aber sie lies nicht locker. Ihre Freundschaft wolle er nicht, das wäre zu wenig. Die SMS ließen irgendwann nach und hörten dann ganz auf. Nur noch wenige Male traf er sie, wenn er es nicht erwartete und sein Bauch machte sich kurz bemerkbar.
Die Zeit heilte Alfreds Wunden nur sehr langsam. Aber er wurde zufriedener und glücklicher mit seinem Leben, welches nun ohne sie stattfand. Was bedeutet Freiheit? Es dauerte bestimmt zwei Jahre, bis er über sie hinweg war. Nun liegt alles, was ihn an Jule erinnern würde, in einer kleinen unscheinbaren Kiste im Regal. Liebe ist wieder etwas schönes und Alfred starrt lieber nach rechts als an die Decke. Wenn da nur ein Mädchen liegen würde…
Alfred schaut auf die Uhr und er hat, wenn er denn jetzt einschlafen würde, noch ca. fünf Stunden zu schlafen. Gute Nacht, Alfred.
indylaa - 29. Dezember, 23:29

Trackback URL:
http://indy.twoday.net/stories/4569522/modTrackback