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"Überflogen" statt "Abgehört"? Sönke Neitzels Taschenbuch zur ZDF-Dokumentation

Also zu allererst muss man Amazon ja mal sagen, dass die Taschenbuch-Ausgabe von Sönke Neitzels „Abgehört - Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942-1945“ nicht heruntergesetzt wurde von 26 Euro auf 10,95 Euro, also 58 Prozent Ersparnis laut Amazon, sondern das Taschenbücher in der Regel sehr viel billiger sind als ihre gebundenen Pendants. Ansonsten würde ja nun eine heruntergesetzte und gebundene Ausgabe des Buches vor mir liegen, oder?

Mehr Korinthenkackerei später.

Ich selbst wurde am vergangenen Dienstag auf das Buch aufmerksam, weil ich die aktuelle Dokumentation am berühmten Nazi-Dienstag auf ZDF mitverfolgte. Dank Seminar in den abendlichen Stunden musste ich zwar bis zum nächsten Tag warten, jedoch leistete die Mediathek des Senders gute Dienste.

The ZDF-Doku
Im Vorfeld hatte ich schon auf SPON über die Doku gelesen und teile die Meinung des Verfassers der Kritik, dass es sich hier nicht um eine der üblichen und qualitativ eher mittleren Dokumentationen Guido Knopps handelt. Hier kommen ehemalige Soldaten zu Wort, die ehrlich zugeben, dass sie damals der Propaganda der Nationalsozialisten erlegen sind und fest an deren Ideologie und Handeln geglaubt haben. Es wird kritisch berichtet und Schauspieleinlagen sollen die Gespräche der Offiziere in Trent-Park nachstellen. Ich werde auf jeden Fall die anderen fünf Teile ansehen. In diesem Sinne empfehlenswert.

The Verfasser
Prof. Dr. Sönke Neitzel hatte das Buch bereits im Jahr 2005 veröffentlicht, die Taschenbuchausgabe erschien diesen Monat. Passend zur Ausstrahlung der Dokumentation im ZDF, dessen wissenschaftliche Beratung er übernommen hatte. Klar, schließlich baut die Serie auch auf den Ergebnissen seines Buches auf. Wie mir scheint, ist Neitzel ein sehr renommierter Wissenschaftlicher, der mit seinen knapp vierzig Jahren schon Stationen durchlaufen hat, wovon andere wahrscheinlich nur träumen. Er betreut eine Reihe von Studenten und begleitet diese zum Teil bei Abschlussarbeiten bis zur Promotion, was sich seiner detaillierten Webseite entnehmen lässt.

The Buch
In seinem Werk, welches ich als billiges Taschenbuch besitze, steuert Ian Kershaw, allen bekannt als herausragender Hitler-Biograf, das Geleitwort bei und es gibt ein extra angefertigtes Vorwort zur Taschenbuchausgabe. Danach folgt der wissenschaftliche Teil, in dem Neitzel über knapp siebzig Seiten seine edierten Quellen kritisch betrachtet und in den Kontext setzt. Was haben also die Offiziere gewusst und worüber haben sie in ihrer Gefangenschaft geplaudert? Natürlich kommen einige brisante Dinge ans Licht, jedoch habe ich die einzelnen Quellen, die nach dem fachwissenschaftlichen Teil kommen und ca. 300 Seiten in Anspruch nehmen, nur vereinzelt gelesen. Im Fließtext gibt Neitzel die Dokumente mit ihren Nummern an, auf die er sich bezieht, man kann also kurz „hinten“ nachschauen. Als Nachteil sehe ich bis jetzt die nach hinten verlagerten Fußnoten an, die sehr viele ebenso wertvolle und akribisch herausgearbeitete Informationen enthalten. Der Lesbarkeit scheint dies geschuldet.

The Miesmuschel
Was ich nun nicht verstehe, warum in der Taschenbuchausgabe so viele Rechtschreibfehler sind. Ich bin auf Seite 73 und habe ca. fünf Fehler selbst gesehen und bestimmt noch mal die gleiche Zahl übersehen. Was nun auf den folgenden 600 Seiten kommt, möchte ich mir anhand der bereits gefundenen Fehler nicht ausmalen. Aber vielleicht war dies ja auch der Letzte, wer weiß das schon. Das Wort „hingen“ passt in dem genannten Zusammenhang auf Seite 71 nun nicht – „hingegen“ wäre, schätze ich, richtig gewesen. Andere Beispiele müsste ich nun raussuchen.

Other Mieschmuscheln
Erst vor kurzem las ich in einer Dissertation über Eugenik ständig denselben Fehler: selbständig statt selbstständig. Einige Semester zuvor machte sich ein Professor über ein Werk eines Kollegen lustig, er fand über 80 Fehler in einem Buch, was bereits in der dritten Auflage war. Fehler im wissenschaftlichen Sektor sind also nicht unüblich, aber Studenten hält man dieses ja noch am liebsten vor, wenn sie mal etwas falsch geschrieben haben.

The End
Dabei wollte ich nur kurz auch mal Herumkacken, nun schweife ich ab und stehe kurz vor einer ausholenden Kritik allen Professoren gegenüber, aber die folgt wann anders. Schlussendlich möchte ich Neitzels Verdienst aufgrund der gefundenen Fehler nicht schmälern, da es seit langem eines der wenigen Bücher ist, welches ich gerne in der Bahn auspacke oder vor dem Schlafengehen noch kurz einige Seiten lese.

Neitzel, Sönke: Abgehört. Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942-1945, erw. und überarb. Aufl., Berlin 2007.

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